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160 — Inseln der Ordnung im Meer des Chaos
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45 min
Ich beschäftige mich gerade intensiver mit einer Frage, die im Kern unserer Gesellschaft liegt: was sind Prinzipien des Engineerings von komplexen Systemen, also, was sind elementare und wiederkehrende Aspekte, Prozesse, Verhaltensweisen, denen man begegnet, wenn man versucht komplexe technische Systeme zu bauen, zu warten oder abzulösen und durch neue zu ersetzen.
Die Frage nach dem Begriff der Ordnung ist darin eine fundamentale, wenn man komplexe Systeme in einem bestimmten definierten — also ordentlichen — Zustand halten möchte — etwa durch Wartungsmaßnahmen — oder verändern möchte, das heißt von einem Zustand der Ordnung in einen anderen Zustand der Ordnung bringen.
Zu verstehen, was Ordnung ist, ist eine Grundlage jedes Engineering und jedes Managementprozesses. Auch jede politische Transformation ist davon abhängig diese Prinzipien im Blick zu haben. Und daher besprechen wir heute sozusagen die Grundlagen dieser Prozesse, die darauf aufbauen.
Die Auseinandersetzung mit der Frage, was Ordnung ist, hat aber auch zwei weitere Aspekte
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Es handelt sich um einen der Begriffe, den wir sofort für offensichtlich halten — you know it, when you see it, aber sobald man beginnt zu versuchen, Ordnung zu definieren, merkt man, wie schwierig das ist. Experiment: drücken Sie den Pause-Knopf und überlegen Sie für sich selbst, wie Sie Ordnung definieren würden.
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Damit wird diese Auseinandersetzung mit der »Ordnung« einerseits ein Thema, das in sich selbst hochinteressant ist, weil wir ihm ständig ausgesetzt sind aber andererseits auch eine Fallstudie, wenn Sie so wollen, für ein größeres Thema, das ich in einer späteren Episode noch aufgreifen werde.
Ich beginne mit der Frage nach den Regimen oder Arten der Ordnung. Dabei ist für unseren Zweck natürlich die selbsterhaltende, dynamische Ordnung komplexer Systeme am interessantesten:
»Einfache Ordnung lässt sich definieren, komplexe Ordnung muss erzählt werden.«
Aber auch ein vermeintlich banales Beispiel, nämlich, wie die Zahl Pi zu verorten ist, stellt sich als deutlich interessanter und herausfordernder dar, als man erwarten könnte.
Auch sehe ich zahlreiche Parallelen zwischen biologischer, also evolutionär getriebener Ordnung und dem Engineering in modernen Techno-sozialen Systemen.
»Evolution kann somit als Prozess gesehen werden, durch den ein äußeres Kriterium zu innerer Form wird.«
Dann gehe ich kurz auf die Idee der Redundanz als Definition von Ordnung ein, wie von Rupert Riedl vorgeschlagen, sowie auf vergleichbare Ideen der algorithmischen Informationstheorie.
Ordnung = Regel × Anwendung
Was sind Vorteile und Grenzen dieser Art der Definition?
Dann weise ich darauf hin, dass Information und Ordnung keinesfalls miteinander verwechselt werden dürfen, dass es aber wesentliche Abhängigkeiten voneinander gibt und zitiere dazu Michael Polanyi.
»DNA configuration, [it] can function as a code only if its order is not due to the forces of potential energy. It must be as physically indeterminate as the sequence of words is on a printed page.«, Michael Polanyi (1968)
Dann betrachte ich den Begriff der Ordnung aus einem anderen Blickwinkel und frage, welche Schichten der Ordnung man identifizieren kann und wie das mit dem bisher gesagten in Einklang zu bringen ist:
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Redundanz — Regel mal Anwendung
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Constraint — eliminierte Freiheitsgrade
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Interdependenz — nichts lässt sich verschieben, ohne dass das Ganze verliert.
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Passung — Passung ist der Anteil der Einschränkungen eines Systems, zu denen sich eine Unterscheidung in seiner Umwelt benennen lässt.
Passung ist dabei ein ganz wesentliches Prinzip, wenn es um das Verständnis komplexer Systeme geht.
Dann versuche ich die Folgen dieser Prinzipien am Beispiel komplexer technischer Systeme, wie Software, darzulegen. Welche wesentlichen Einschränkungen gibt es bei solchen Systemen:
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Problemgetragene Einschränkungen
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Geschichtsgetragene Einschränkungen
Was bedeutet dies konkret und wie ist dies in der Praxis zu bewerten und damit umzugehen?
Wenn es Ordnung gibt, dann muss es auch Unordnung, beziehungsweise Kräfte und Pfade der Unordnung geben. Welche sind die?
»Conservatism starts from a sentiment that all mature people can readily share: the sentiment that good things are easily destroyed, but not easily created.«, Roger Scruton
Dann »zeichne« ich ein Bild der Inseln der Ordnung im Meer des Chaos um greifbarer zu machen, was es bedeutet, wenn man Systeme nicht mehr evolutionär weiterentwickeln kann, sondern von eine komplexen und dynamisch stabilisierten Zustand der Ordnung in einen anderen wechseln möchte.
Zuletzt mache ich noch auf ein Konzept von Stuart Kauffman aufmerksam: Die »Grenze des Chaos« (edge of chaos) beschreibt einen kritischen Bereich zwischen starrer Ordnung und völligem Chaos. Seine These lautet nicht, dass dynamisch stabilisierte Ordnung, wie Leben, im Chaos gedeiht, sondern dass anpassungsfähige und evolvierende Systeme nahe dieser Grenze besonders leistungsfähig sind. Was geschieht, wenn es zu viel Ordnung in Systemen gibt? Zu viel Chaos? Was bedeutet dies für Engineering, Innovation und Politik?
Haben wir nun eine präzise Definition von Ordnung?
Ehrlich gesagt, bezweifle ich das. Ich denke, ich konnte einige relevante Faktoren — Rahmenbedingungen vielleicht — darlegen und wir haben damit das Problem der Ordnung umkreist. Der Versuch zur Definition erweist sich als Weg, der in immer neue Verstrickungen führt.
Ich glaube, wir haben ein besseres Verständnis des Problems, wenngleich, oder gerade auch weil wir es nicht präzise definieren konnten.
Aber das ist exakt der Meta-Punkt auf den ich kommen wollte und den ich zu Beginn angesprochen habe. Ich lasse das als Cliffhanger stehen und werde in einer zukünftigen Episode darauf zurückkommen.
Andere Episoden
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Episode 156: Neues liegt in der Luft?
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Episode 154: Software: Von der Maschine zum Ökosystem?
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Episode 137: Alles Leben ist Problemlösen
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Episode 136: Future Brunels? Learning from the Generation that Transformed the World. A Conversation with Dr. Helen Doe
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Episode 129: Rules, A Conversation with Prof. Lorraine Daston
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Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger über Generationen
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Episode 123: Die Natur kennt feine Grade, Ein Gespräch mit Prof. Frank Zachos
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Episode 109: Was ist Komplexität? Ein Gespräch mit Dr. Marco Wehr
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Episode 107: How to Organise Complex Societies? A Conversation with Johan Norberg
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Episode 99: Entkopplung, Kopplung, Rückkopplung
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Episode 71: Stagnation oder Fortschritt — eine Reflexion an der Geschichte eines Lebens
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Episode 57: Konservativ UND Progressiv
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Episode 55: Strukturen der Welt
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Episode 37: Probleme und Lösungen
Referenzen
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Rupert Riedl: Die Ordnung des Lebendigen. Systembedingungen der Evolution. Parey, Hamburg/Berlin 1975.
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Rupert Riedl: Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. Parey, Berlin 1979.
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Rupert Riedl, Strukturen der Komplexität
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Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels. Piper, München 1973.
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Erwin Schrödinger: What is Life? Cambridge University Press, 1944 — aperiodischer Kristall.
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Franz M. Wuketits: Evolutionstheorien. WBG, Darmstadt (mehrere Auflagen) — zur systemtheoretischen Schule.
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Ilya Prigogine, Isabelle Stengers: Dialog mit der Natur. Piper, München 1981 (engl. Order out of Chaos, 1984).
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Stuart Kauffman, At Home in the Universe: The Search for the Laws of Self-Organization and Complexity, Oxford University Press (1996)
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Stuart Kauffman, Reinventing the Sacred: A New View of Science, Reason, and Religion, Basic Books (2010)
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Humberto Maturana, Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Scherz, Bern 1987.
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Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft, 1790, §§ 64–65 (Naturzweck).
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Kevin Kelly, What Technology Wants, Penguin (2011)
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Kevin Kelly, The Inevitable, Penguin (2017)
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Melvin E. Conway, How do Committees Invent? Harvard Business Review (1976)
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Roger Scruton, How to be a Conservative, Bloomsbury (2014)
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45 min


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