Episodes

10 hours ago
10 hours ago
1 hr 9 min
Der Titel der heutigen Episode spiegelt einerseits die Themen des Gesprächs wider, greift aber auch den Titel des Buches meines Gastes Prof. André Thess auf: »Der Energiegipfel: Ausweg aus dem Klimakampf«. Ich habe mich auf dieses Gespräch sehr gefreut, denn Prof. Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und zudem Experte für Thermodynamik. Er ist aber nicht nur in seiner wissenschaftlichen Arbeit exzellent, sondern trägt auch durch journalistische Artikel und mediale Präsenz zum rationalen und sachlichen Diskurs über komplexe Fragen von großer gesellschaftlicher Tragweite bei.
Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise
Das Buch zum Podcast!
Wir beginnen das Gespräch mit der Frage: Was ist die Bedeutung der Energieversorgung in einer modernen Gesellschaft und wo steht die deutsche Energiewende? Wir sind in Europa und besonders in Deutschland seit mittlerweile Jahrzehnten falsch abgebogen. Wie ist das passiert und warum gibt es immer noch kein Gegensteuern? Es wohnen zwei Seelen in der Brust von André Thess: Energieforscher und Ökonom:
»Wir sind an der Stelle falsch abgebogen, wo wir die Prinzipien der Marktwirtschaft verlassen haben. […] In dem Maße, wie sich der Staat durch Subventionen und Regularien betätigt hat, hat leider die Qualität der Versorgung abgenommen. Die Preise haben zugenommen, und — was ich persönlich am schlimmsten finde — die Polarisierung der Gesellschaft hat begonnen und die Gesellschaft driftet immer weiter auseinander.«
Es gab großen technischen Fortschritt, auch im Bereich der Speicher, sowohl Strom wie auch Wärme und Wasserstoff. Wir erleben also gleichzeitig große Fortschritte und einen dramatischen Niedergang, denn eine Revolution kann man nicht dekretieren. Fluktuierende Energieerzeugung plus Speicher sind auch heute noch in den meisten Fällen deutlich teurer als Alternativen. Warum ist das so?
Wie verhält es sich mit den zeitlichen Dimensionen der Energiespeicherung? Von Sekunden über eine Nacht bis zu Wochen oder Monaten? Was würde eine Dekarbonisierung, den aktuellen Ideen folgend, kosten? Wie sieht es mit dem Ressourcen-Bedarf dieser vermeintlich »erneuerbaren« Anlagen aus?
»Subventionen verschleiern tatsächliche Kosten.«
Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten J. D. Vance spricht mit Mike Rowe über die Energieversorgung der USA vs. China — warum ist das für Europa von großer Bedeutung?
»›Man, the thing that you guys have got to do is build the power.‹ The problem is not the data centers. The problem is that the United States is not building electricity generation for a 21st century economy. If you look, there's this chart I'm obsessed with where it looks at the amount of electricity generated by China versus the United States. Okay? In the late 90s, the two lines crossed, meaning the Chinese started making as much power as the United States of America. Since that time, it is flatlined in the US. So, as crazy as this might sound, in 2026, we produce about the same amount of power as we did in 1996 in the United States of America. China has 3xed. So, this is actually not a data center problem. It's a utility and power generation problem.«, J. D. Vance
Industriebetriebe machen eine Wanderbewegung weg von Deutschland und hin zu China und den USA. Ist dieser Prozess noch umkehrbar? Haben wir in Europa noch eine Chance?
»Die energieintensive Industrie ist die Basis, das Rückgrat jeder entwickelten Industriegesellschaft. […] Energie ist nicht alles, aber ohne Energie ist die Volkswirtschaft nicht in der Lage, wettbewerbsfähig zu arbeiten.«
Haben wir einen paradigmatischen Unterschied zwischen der Welt und der EU, besonders Deutschland? Der ganzen Welt scheint klar zu sein, dass Wohlstand von Energie abhängt und die nächsten Jahrzehnte wesentlich mehr Energie benötigen werden, nur die deutsche Elite spricht ständig von weniger Energieverbrauch für Deutschland. Ist das plausibel?
Was hat dies mit Bitcoin, künstlicher Intelligenz, Quantencomputern usw. zu tun?
»Ich warne vor der Naivität, zu glauben, man könne auf der Basis des heutigen Wissens und der heutigen Welt, allein durch Effizienzbetrachtungen prognostizieren, wie die Energie von morgen aussieht. […] Sie können aus dem Rückspiegel nicht extrapolieren, was vor Ihnen liegt. […] Ich glaube an vieles, aber nicht an das zurückgehende Energiebedürfnis.«
Worin ist die Idee der Reduktion des Energiebedarfs ideologisch begründet? Wie gelingt es manchen, offensichtlichen Rückschritt als Fortschritt zu verkaufen?
»The world in which we find ourselves at the start of the new millennium is littered with the debris of utopian projects.«, John Gray
In einer liberalen und freien Gesellschaft steht es jedem frei, so zu leben, wie er möchte, auch ohne oder mit sehr wenig Energie. Vorsicht scheint immer angebracht, wenn Einzelne ihre ideologischen Konzepte allen anderen zwangsweise überstülpen wollen.
»Diese Entsagungstheorien münden in zahlreichen Fällen in autoritären und totalitären Gesellschaftsentwürfen.«
Die Lage in Europa scheint sehr negativ zu sein, aber gibt es noch eine Möglichkeit des Umsteuerns, um die große Krise abzuwenden?
»Es ist nie zu spät, eine Planwirtschaft niederzureißen und durch eine Marktwirtschaft zu ersetzen. […] Aber je länger wir das auf die lange Bank schieben, desto schlimmer die Auswirkungen.«
Machen wir einen Schwenk zum Bildungssystem — liegt den bisherigen Problemen auch eine Krise der Bildung und der wissenschaftlichen Praxis zu Grunde?
»Wenn wir keine günstige Energie und keine kompetente Gesellschaft haben, was dann?«
Ist das deutsche Hochschulwesen überhaupt noch konkurrenzfähig? Sind rund 10.000 €, die der Steuerzahler für jeden Studienplatz bezahlt, gut investiertes Geld?
»Ich glaube, dass das deutsche Hochschulsystem ohne Studiengebühren und ohne einen signifikanten Eigenanteil der Studenten keine Zukunft hat.«
Was ist überhaupt der Nutzen moderner Hochschulbildung? Der US-Ökonom und Professor einer Elite-Universität Bryan Caplan fasst dies zynisch so zusammen:
»My best guess says signaling accounts for 80% of education’s return. […] Frankly, most econ professors practice a variant of the old Soviet adage, ›We pretend to teach, they pretend to learn.‹«, Bryan Caplan
Ist die Politisierung der Universitäten vom finanziellen Modus abhängig?
Die Bildungsqualität der Schulen scheint noch katastrophaler als der Zustand der Universitäten zu sein. Während wir vor den Kosten des Klimawandels große Sorgen haben, scheinen die Kosten dieser Bildungskatastrophe etwa fünfmal so hoch zu sein. Wo ist die große gesellschaftliche Debatte darüber?
In Max Perutz’ Labor in Cambridge gab es acht Nobelpreisträger. Wie ist ihm das gelungen? Zitat aus einem Interview:
»Keine Komitees, keine Politik, keine Berichte, keine Interviews, nur hochmotivierte, begabte Menschen, die von uns ausgewählt werden.«
Gibt es eine Chance, die außer Kontrolle geratene Bürokratisierung des Hochschulwesens wieder einzufangen?
»Es ist falsch, zu sagen, dass die Schuld für diese Bürokratisierung nur in dieser übergeordneten Verwaltung liegt, sondern wir selbst, die Träger des Wissenschaftssystems, legen teilweise eine Vollkaskomentalität an den Tag.«
Sind wir eine Untertanengesellschaft? Trainieren wir Menschen aktiv die Selbstständigkeit ab? Ist unsere Gesellschaft risikoavers geworden?
»Wer keine Risiken eingeht, kann auch nicht gewinnen.«
Wo stecken eigentlich Kompetenz und Wissen in einer Gesellschaft? Setzen wir zu sehr auf Akademisierung? Was wären die Alternativen?
Aber auch Regulierungen können hochgradig negative Effekte für unsere Gesellschaft haben. Wie stehen diese in Zusammenhang mit Bildung und Akademisierung?
Welche Rolle spielt Meinungsfreiheit in diesen Problemlagen?
»Die Meinungsfreiheit ist wie die Luft zum Atmen.«
Es gibt den eigenartigen Begriff des »Klimaleugners«, aber es gibt merkwürdigerweise nicht den Begriff des »Thermodynamikleugners«.
Es gibt einen eindeutigen Mangel an freier Meinungsäußerung in politisierten Feldern der Wissenschaft. Wie wirkt sich dies aus? Gibt es einen Unterschied zwischen der allgemeinen Öffentlichkeit und Wissenschaft(spraxis)?
»Das Wesen des wissenschaftlichen Fortschritts liegt im Widerspruch. […] Die Moralisierung der Andersdenkenden ist eine Geißel der heutigen Zeit.«
Harter Streit in der Wissenschaft ist kein Versagen, sondern vielmehr Zeichen funktionierender Wissenschaft. Diese Meinungsunterschiede müssen wir aushalten und geradezu nutzen.
Was empfehlen wir jungen Menschen? Sollen sie in Deutschland und Europa bleiben oder so schnell wie möglich das Weite suchen?
»Die deutsche Einheit wäre nicht passiert, wenn viele Leute nicht kleine Einzelbeiträge geleistet hätten. Und die Summe dieser Beiträge, die kann dann tatsächlich den Unterschied machen.«
Was bleibt also als Empfehlung?
»Stelle dich so auf, dass deine Position resilient gegenüber externen Störungen ist. Und das ist dann der Fall, wenn man über eine breite Bildung verfügt, zahlreiche soziale Kontakte und wenn man die Welt bereist hat.«
Andere Episoden
-
Episode 158: Der Moloch oder unvermeidlicher Fortschritt?
-
Episode 157: Kollektivismus oder Freiheit? Ein Gespräch mit Oliver Gorus
-
Episode 155: Freiheit oder Sicherheit? Ein Gespräch mit Prof. Konrad Paul Liessmann
-
Episode 153: Potent Stuff, A Conversation with Prof. Jacob Howland
-
Episode 145: Reflexion und Rekonstruktion!
-
Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel Stelter aus ökonomischer Perspektive
-
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit Markus Raunig
-
Episode 135: Friedrich Hayek und die Beschränktheit der menschlichen Vernunft. Ein Gespräch mit Nickolas Emrich
-
Episode 131: Wot Se Fack, Deutschland? Ein Gespräch mit Vince Ebert
-
Episode 120: All In: Energie, Wohlstand und die Zukunft der Welt: Ein Gespräch mit Prof. Franz Josef Radermacher
-
Episode 117: Der humpelnde Staat, ein Gespräch mit Prof. Christoph Kletzer
-
Episode 107: How to Organise Complex Societies? A Conversation with Johan Norberg
-
Episode 106: Wissenschaft als Ersatzreligion? Ein Gespräch mit Manfred Glauninger
Referenzen
- André Thess auf X
- André Thess, Der Energiegipfel: Ausweg aus dem Klimakampf, Langen Müller (2025)
- J. D. Vance im Gespräch mit Mike Rowe, 493: JD Vance—Communion, The Way I Heard It with Mike Rowe (7. Juli 2026)
- Thomas Morus, Utopia (lat. Originaltitel: Libellus vere aureus … de optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia), Dirk Martens (1516)
- John Gray, Black Mass: Apocalyptic Religion and the Death of Utopia, Allen Lane (2007)
- Bryan Caplan, The Case against Education: Why the Education System Is a Waste of Time and Money, Princeton University Press (2018)
- Georgina Ferry, Max Perutz and the Secret of Life, Chatto & Windus (2007)
- Geoffrey West, Scale: The Universal Laws of Growth, Innovation, Sustainability, and the Pace of Life in Organisms, Cities, Economies, and Companies, Penguin Press (2017)
- Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn: Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, edition Körber-Stiftung (2014)
- Thomas Petersen (Institut für Demoskopie Allensbach), Was ist Freiheit? Alle meinen sie, doch die Deutschen verstehen sie ganz unterschiedlich, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 241 (17. Oktober 2025)
10 hours ago
1 hr 9 min


No comments yet. Be the first to say something!